Der Papiersäufer

Der Papiersäufer liest alle Bücher, es kann sein, was es will, wenn es nur schwer ist. Es gibt sich nicht mit Büchern zufrieden, von denen man spricht; sie sollen rar und vergessen sein, schwer zu finden. Es ist vorgekommen, dass er ein Jahr nach einem Buch gesucht hat, weil niemand es kennt. Hat er es schließlich, so liest er’s rasch, kapiert es, merkt’s sich und kann immer daraus zitieren. Mit 17 sah er schon aus wie jetzt mit 47. Je mehr er liest, um so mehr bleibt er sich gleich. Jeder Versuch, ihn mit einem Namen zu überraschen, schlägt fehl; auf jedem Gebiet ist er gleich gut beschlagen. Da es immer etwas gibt, was er noch nicht kennt, hat er sich noch nie gelangweilt. Doch hütet er sich zu sagen, was ihm unbekannt ist, damit ihm kein anderer beim Lesen zuvorkommt.
Der Papiersäufer sieht wie ein Kasten aus, der sich nie geöffnet hat, um nichts zu verlieren. Er scheut sich, von seinen sieben Doktoraten zu sprechen und erwähnt nur drei, es wäre ein leichtes für ihn, jedes Jahr einen neuen Doktor zu erwerben. Er ist freundlich und spricht gern, um sprechen zu können, lässt er auch andere zu Wort kommen. Wenn er sagt: >Das weiß ich nicht<, ist ein detaillierter und wissender Vortrag von ihm zu erwarten. Er ist rasch, weil er immer nach neuen Leuten sucht, die ihn anhören. Keinen, der ihn angehört hat, vergisst er, die Welt für ihn besteht aus Büchern und Hörern. Das Schweigen anderer weiß er wohl zu schätzen, er selbst schweigt nur kurz, bevor er zu einem Vortrag ansetzt. Eigentlich will niemand etwas von ihm lernen, weil er auch so viel anderes weiß. Er verbreitet Unglauben, nicht etwa, weil er sich nie wiederholen würde, aber er wiederholt sich nie bei ein und demselben Hörer. Er wäre kurzweilig, wenn es nicht immer etwas andere wäre. Er ist gerecht gegen sein Wissen, alles zählt, man gäbe viel drum, auf etwas bei ihm zu stoßen, das mehr zählt als etwas anderes. Er entschuldigt sich für die Zeit, in der er wie gewöhnliche Leute schläft.
Man ist voller Erwartung, wenn man ihn nach Jahren wiedersieht und sehnt sich danach, ihm endlich auf einen Schwindel zu kommen. Aber da kann man sich lange sehnen, – obwohl er von ganz anderen Dingen spricht, ist er auf die Silbe genau derselbe. Manchmal hat er inzwischen geheiratet, manchmal ist er wieder geschieden. Die Frauen verschwinden, es war immer ein Fehler.
Er bewundert Leute, die ihm zum Übertreffen reizen und wirft sie, übertroffen, zum alten Eisen. Er war nie in einer Stadt, ohne vorher alles über sie gelesen zu haben. Die Städte passen sich seinem Wissen an; sie bestätigen, was er von ihnen gelesen hat, unlesbare Städte scheint es keine zu geben.
Er lacht von weitem, wenn sich ein Dummkopf nähert. Eine Frau, die ihn heiraten will, muß ihm Briefe schreiben, in denen sie ihn um Auskünfte bittet. Schreibt sie oft genug, so verfällt er ihr und will ihre Fragen immer um sich haben.

Elias Canetti, Der Ohrenzeuge


Immagine: http://www.readinkbooks.com/

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